Montag, 3. Oktober 2016

"Das wirst du verstehen, wenn du Mutter bist!"

Ich war eines der Kinder, die einen Fantasiefreund hatten. In meinem Fall hieß der gute Kerl Quecki, der mal genauso alt wie ich, dann aber wieder 35 Jahre war. Außerdem war er Kameramann für meine Filme, hatte Auto-, Boots- und Hubschrauberführerschein und trug immer eine Sonnenbrille. Mit so einem Typen hält man es sicher lange aus, denn hey, er war ja wohl das Epitom von Coolness. An dieses Bild von ihm kann ich mich witzigerweise noch sehr gut erinnern. An das Ende unserer Beziehung weniger, die kenne ich nur aus den Erzählungen meiner Eltern. Laut dieser sei es irgendwann sehr still um den lieben Quecki geworden. Auf die Nachfrage hin, wo Quecki denn sei, habe ich nur geantwortet: "Der war nicht gut zu meinen Kindern (Kuscheltiere), den hab ich weggeschickt." Little badass me, ich bin echt stolz auf dich.

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Heute bin ich mir nicht so sicher, ob ich überhaupt Kinder will, denn hey, sogar mein Kleinkind-Ich wusste, dass das verdammt viel Verantwortung ist. Und ob das die Art von Verantwortung ist, die ich später haben möchte und ob das in meinen Lebensentwurf passen wird, ist eine Frage, die vorerst offen bleiben wird und das ist auch in Ordnung so. Für mich selbst ist das kein Drama und keine Frage, die mich nachts wachhält. In den derzeitigen Lebensentwurf passen Kinder nun mal nicht, aber vielleicht wird sich das irgendwann ändern. Abwarten. Allerdings sehen das immer ein paar Leute anders.


Viele blicken entsetzt drein, wenn klar wird, dass Kinderkriegen für mich lediglich eine Option, aber eben kein Muss ist. Andere nehmen das nicht wirklich ernst und grinsen nur, "du wirst sehen, irgendwann wirst du es wollen". Ja, das werde ich sehen. Darum geht's mir ja: Mal gucken, was die Zeit so an Veränderungen bringt. Aber diese Einstellung, dass es so oder so darauf hinauslaufen wird, löst bei mir immer wieder Irritation aus. Woher nehmen andere Leute diese Sicherheit, dass sie eine Frage für mich beantworten können, die ich noch nicht mal selbst deutlich bejahen oder verneinen kann und will? Woher kommt diese Dreistigkeit, diese Selbstverständlichkeit, dass ich mein Leben als unerfüllend empfinden werde ohne Kinder? Es ist 2016, verdammt nochmal, müssten wir nicht längst diesen ganzen Rollenmist hinter uns gelassen haben?

Auf ähnliche Art und Weise kommt in mir immer ein Unwohlsein hoch, wenn die Schwiegermama meinen Blick sucht, wenn eine junge Mutter zu Besuch ist und die beiden über die Freuden des Mutterseins sprechen. Oder wenn auf meine Stellungnahme zu diesem Thema der Kommentar "Das wirst du schon verstehen, wenn du selbst mal Mutter bist!" folgt. Aha, okay. Also wenn ich da was aus mir rausgepresst habe oder alternativ aus mir herausgenommen wird, bin ich plötzlich im Kreise der Erleuchteten. Interessant. Auch hier schwingt erneut dieser Ton mit, dass einem ohne Kinder definitiv was fehlen wird. Was ist eigentlich mit Paaren, die aus gesundheitlichen Gründe keine Kinder zeugen konnten, oder Personen, die adoptieren, etc? Verstehen die das nun oder nicht?

Dann wiederum habe ich seit meiner frühen Kindheit Mütter gesehen, die in ihrer Beziehung absolut unglücklich sind, für ihre Kinder "zuliebe" aber nichts an der Situation ändern. Das Kind muss ja einen Vater haben. Die umgekehrte Situation gibt es selbstverständlich auch, ist mir in meiner Umgebung jedoch um einiges seltener begegnet - was natürlich kein repräsentatives Verhältnis darstellt, das ist mir durchaus bewusst. Stattdessen habe ich immer wieder Mütter gesehen, die aus dem zuvor genannten Grund in einer unglücklichen Situation bleiben, während andere sich als finanziell abhängig betrachten (Stichwort geringfügig entlohnte Arbeit oder Hausfrau) oder Angst haben von ihrem Umfeld als "gescheitert" gesehen zu werden. Arbeiten gehen trotz Kinder würde natürlich finanzielle Sicherheit bringen und für manche wie mich steht es außer Frage, dass man weiterhin arbeiten würde, weil es zum Selbstverständnis dazugehört. Das aber hinzukriegen kann so schon zum Kunststück ausarten. Dazu kommt weniger Zeit mit dem Kind, hohe Flexibilität ist gefordert und es gibt leider immer noch viele Leute, die meinen "Karrierefrauen" (Karriereväter? Anyone?) vernachlässigten ihre Kinder. All das sind legitime Gründe, um es sich gründlich zu überlegen, ob man Kinder will oder nicht. Nennt man diese aber, kommt meist nur die Antwort, dass das einem ja nicht passieren muss und dass es das später alles wert sei. Klar, aber manchmal hat man einfach Pech. Und für solche Fälle muss man vorbereitet sein und es sich gut überlegen, wann man diesen Punkt der Vorbereitung erreicht hat. Was, wenn einem all das zu riskant ist?

Mein Punkt ist eigentlich recht simpel. Wenn man sich nicht sicher ist, ob man jemals Kinder will, heißt das nicht "überzeuge mich!", sondern "ich weiß es noch nicht und werde das irgendwann entscheiden, wenn es soweit ist". Mutter sein ist voll in Ordnung, ich habe keine Zweifel daran, dass es für manche in ihr Leben gehört und ein wichtiger Meilenstein ist - dass Elternschaft etwas extrem Erfüllendes sein kann. Genauso ist es aber auch okay, wenn man keine Mutter sein will oder sich während einer Schwangerschaft doch dagegen entscheidet - und das sollte nicht die Entscheidung der anderen, sondern die eigene sein. Ich werde das wahrscheinlich bis zu meinem Tod schreien, aber: Lasst die Entscheidungen anderer auch deren eigene Entscheidungen sein. Es ist deren Körper und deren Entscheidung. Es ist deren Leben und deren Entscheidung. Und wenn deine Meinung zu einem persönlichen Thema nicht explizit erbeten wird, ist es manchmal respektvoller einfach mal ruhig zu bleiben. Es ist 2016, verdammt nochmal, warum ist das immer noch ein Thema?

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