Mittwoch, 21. September 2016

Von Ästhetik und Motivation

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich immer irgendwas geschaffen. Gezeichnet, gebastelt, geschrieben. Als Kind habe ich Modekataloge gezeichnet, auch extra für "Mollige" wie meine Mama und ich es so gerne genannt haben, weil Mama immer von den riesengroßen, schlanken Models genervt war. Kaum konnte ich ansatzweise schreiben, habe ich mich vor den uralten PC meines Vaters gesetzt und Geschichten geschrieben, von dem Mädchen Hyazinthia, ausgesetzten, aber geretteten Kätzchen erzählt, eine Zeitung zusammengebastelt. Später habe ich vor allem gezeichnet, mir Charaktere und Geschichten zu den Bildern ausgedacht, immer so ein bisschen in einer Fantasiewelt gelebt und aus dieser Inspiration gezogen. Angesichts dieses Musters ist es kaum verwunderlich, dass ich heute da stehe, wo ich nun mal bin: habe Freude an meinen Studengängen British Studies (neuerdings unbenannt zu English Literature and Culture, was vielleicht selbsterklärender ist) und Publizistik, während ich mir fast nichts als Bücher zum Geburtstag wünsche, mit dauergezücktem Handy durch die Stadt renne und jeden schönen Milchkaffee festhalte.

Die letzte Zeit habe ich mich dennoch oft gefragt, warum ich all das mache. Was ist der Sinn dahinter? Was bringt es schon? Von schönen Bildern allein kann man nicht gut leben. Wieso schreibe ich auf diesem Blog über völlig irrelevante Themen? Ich maße mir an, hier "nachdenkliche" Texte zu veröffentlichen, in und an der Welt verändere ich dabei aber nichts. Warum hast du dieses Studium aufgenommen, wenn es dir so gesehen nichts bringt? Alles, was ich "erreicht" habe, geschah um das Studium herum. Unbequeme Gedanken, wegen der man sich die ein oder andere Nacht um die Ohren schlägt. Und was kann man damit machen? Vielleicht eine Phobie für diese Frage entwickeln.

Andererseits fühlt es sich falsch an, meinen bisherigen Weg als verschwendete Zeit anzusehen und derart herunterzusetzen. Wenn ich zurückdenke, würde ich es immer wieder genauso machen. Psychologie hätte mich nicht erfüllt, selbst wenn ich es in das Kommunikationsdesign-Studium geschafft hätte, wäre meine Kreativität wahrscheinlich von Tag eins an verkümmert, für's Lehramt hätte ich auf Dauer nicht den Nerv.
Mein Studium, speziell British Studies, macht mich unglaublich glücklich. Literatur ist für mich ein regelrechtes Wunder. Jemand setzt eine Reihe von Wörtern - Laute, die auf Papier gebracht worden sind - aneinander und erschafft damit Bedeutung auf so vielen Ebenen, die Gefühle in uns auslösen. Die tatsächliche Sachebene, aber auch die vielen Interpretationen. Jede noch so objektive Interpretation verrät doch mehr über mich als über den Text oder Autor, denn wahre Objektivität wird es niemals geben. In der Schule hat man sich oft über die scheinbar überkonstruierten Interpretationen geärgert, aber insgeheim hatte ich immer Spaß daran. Sprache erforschen, Sprache sezieren, die Macht von Sprache und unsere Abhängigkeit von Kommunikation realisieren, das alles sind wunderschöne Dinge für mich. Auch das ist eine Art, die Welt zu verstehen, auch wenn sie für viele wertlos erscheint.


Innerhalb dieses wertlosen Studiums bin ich als Person gewachsen, habe meinen Horizont erweitert, lauter wundervolle und unterschiedliche wie auch unausstehliche Menschen kennengelernt. Und bin so dankbar für dieses Privileg, dass ich dieses Studium aufnehmen konnte. Zwar arbeite ich selbst für diese Möglichkeit, aber ohne die Unterstützung lieber Menschen um mich herum, wäre das um einiges schwieriger. Um Dankbarkeit zu erlernen, als Person zu wachsen und zu lernen muss ich nicht zwingend ins Ausland. Direkt um mich herum sind so viele interessante Personen und Dinge, die es zu verstehen gilt, die eine unglaubliche Schönheit ausstrahlen. Man muss nur mal richtig hinschauen.

Ich werde nicht davon leben können, Geschichten zu schreiben oder nette Bildchen zu zeichnen. Aber ich möchte etwas machen, dass mich die Schönheit dieser Welt verbreiten lässt. Denn neben all den hässlichen Taten, die wir Menschen vollbringen, gibt es auch noch so viel Schönes, das wir endlich anerkennen müssen. Nicht nur, aber auch.

Kommentare:

  1. Wertlos?
    Oh nein, das ist es ganz und gar nicht.
    Was nützt einem alles Geld der Welt, wenn man kein Auge und kein Ohr für die schönen Dinge des Lebens, wie die Literatur, die Kunst, die Begegnungen mit Menschen und die Natur hat?
    Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder etwas mehr philosophieren anstelle konsumieren.
    Ich denke, es ist normal, dass man sein Tun immer wieder hinterfragt, schließlich möchte man sich weiter entwickeln. Wer weiß, welche Türen sich einmal auf tun, wo du dein Talent ausleben darfst.
    Deinen Zeilen folge ich jedenfalls sehr gerne.
    Ach und der Auslandsaufenthalt wird meines Erachtens völlig überbewertet.
    Es gibt überall unglaublich viel Schönes und Inspirierendes zu entdecken. Das sage ich, obwohl ich sehr gerne verreise.
    Ich wünsche dir alles Gute und weiterhin viel Freude und Erfolg an deinem Studium.
    Liebe Grüße von Heike

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    1. Liebe Heike,

      Ich danke dir von ganzem Herzen für deinen lieben Kommentar!
      Und ich stimme dir da natürlich vollkommen zu: Es gibt wirklich so viel Schönes und Faszinierendes, das man noch nicht gesehen hat.
      Liebe Grüße,
      Sirona

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