Dienstag, 2. August 2016

Rule 34? Warum müssen wir alles unnötig sexualisieren?

Ja, ich weiß. Menschen sind evolutionär gesehen nur auf Fortpflanzung fixierte Wesen. Aber das reicht mir nicht als Erklärung. Ihr müsst mir mal echt eine Sache erklären: warum halten sich so wenige Männer an den Händen? Warum wird so ein simpler, einvernehmlicher Körperkontakt so sexualisiert? Schließlich ist der einzige Unterschied zum Handschlag doch nur die Länge des Kontakts. Und bei manchen Leuten der Druck; ernsthaft, liebe Händezerquetscher - wem wollt ihr was beweisen? Zurück zum Thema. Frauen halten natürlich auch nicht so oft Händchen, tatsächlich ist das eher eine Mädchensache (food for thought: Hängt das damit zusammen, dass Mädchen gerne möglichst lange kindlich gehalten werden?). Aber wenn ich jemanden Hand in Hand sehe, sei es freundschaftlich oder romantisch, freut mich das immer ein bisschen. Warum? Weil es mir Freude bringt, zwei (oder warum nicht mehrere, solange niemand chinesische Mauer spielt) Menschen zu sehen, die unaufdringlich ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zeigen.

Wir werden uns wahrscheinlich alle darauf einigen können, dass wir ungern zu Voyeuren gemacht werden, weil ein paar Leute derart aneinander hängen, dass sie mehr Schnecken als Menschen gleichen. Aber was ist so "schlimm" an sich berührenden Händen? Etwas, das Kinder mit ihren Eltern tun und auch viele jüngere Kinder, speziell Mädchen meist bis in ihre Jugend. Wann wird dieses unschuldige Zeichen von Zuneigung zu etwas Sexuellem im Laufe unseres Lebens? Einem Kind an der Hand eines Elternteils würde niemand hinterherpfeifen, zwei jungen Frauen schon (wahre Geschichte). Bei Kleinkindern fangen wiederum schon viele an dieses Verhalten als etwas Sexuelles zu sehen. Denn wenn zwei Fünfjähige Händchen halten, kommt so gerne der Spruch "XY wird ein Herzensbrecher werden" - und das ist garantiert nicht im romantischen Kontext gemeint, auch wenn viele den Spruch so begründen wollen. Übrigens kommt sowas ja immer nur vor, wenn Junge und Mädchen zusammenhängen, bei Mädchen und Mädchen wird natürlich von Freundschaft gesprochen und kleinen Jungen wird dieses Verhalten ohnehin schnell ausgetrieben. Achja, ist es nicht schön Kleinkinder von vorneherein in vorgefertigte Rollen zu pressen statt ihnen die Freiheit zur selbstständigen Entwicklung zu lassen? Pubertäre Identitätskrise für queere Menschen ist vorprogrammiert. Mein Punkt ist, irgendwann im Laufe unseres frühen Lebens wird subtil die Idee vermittelt, das Händchenhalten etwas ist, dass nur romantisch, sprich sexuell, miteinander involvierte Paare tun. What the actual fuck.

Warum fixiert die sich jetzt bitte so aufs Händchenhalten und tut so aufgeregt? Mir geht es kurz gesagt nicht nur ums Händchenhalten, sondern um jegliche Form von übertrieben sexualisierter Intimität. Seien es längere Umarmungen, sich Aneinanderlehnen oder kuscheln oder was weiß ich - das sind Dinge, die wir in den meisten Fällen im Kindheitsalter kennenlernen als ein Zeichen von Zuneigung. Ein "ich mag dich und fühle mich wohl bei dir" ohne Worte. Später werden solche Formen von Intimität als nahezu tabu dargestellt ohne einen besonderen Grund. Besonders Männer werden leider früh in die Richtung erzogen, dass nicht-sexuelle Intimität etwas Seltsames ist. Im Umkehrschluss heißt das wiederum, dass manche Menschen wesentlich empfindlicher auf solche Zuneigungsbekundungen reagieren, die nicht ihrem vorgefertigten Bild von beispielsweise Hetero-Beziehungen entsprechen. Zwei Männer halten sich an den Händen? Müssen homosexuell sein. Zwei Frauen halten sich an den Händen? Müssen homosexuell sein oder Schlampen, die es für die (männliche) Aufmerksamkeit tun. Mann und Frau halten Hand? Oh, wie süß, ein Paar!

Liebe Welt, es gibt viele Dinge, die sind furchtbar an dir. Das hier gehört bei Weitem nicht zu den schlimmsten Dingen, aber es ist dennoch sehr schade und meiner Meinung nach extrem hirnrissig. Liebe Welt, es gibt aber auch ein paar sehr schöne Dinge an dir. Zum Beispiel Menschen, die tagtäglich trotz negativer Reaktionen unaufdringlich ihre Zuneigung füreinander zeigen, egal ob sie nur Freunde, ein Paar oder "eeeh, keine Ahnung sind". Ein bisschen mehr einvernehmliche Liebe, ob freundschaftlich, sexuell oder was auch immer, ist ab und zu auch mal ganz nett.

PS: Und keine Angst, wer mir im echten Leben begegnet: Ihr müsst nicht um eure Hände fürchten,
PPS: Nicht-sexuelle Intimität macht Spaß, ihr verpasst was.
PPPS.: Ich hab so oft Händchenhalten geschrieben, dass ich mir jetzt selbst infantil vorkomme. wtf.

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